Deutscher Bibliothekartag 2002 in Augsburg:
"Innovativ und zukunftsweisend: die bayerischen FH-Bibliotheken

Kurzreferate der Vorträge

Johannes Walter: Pilotprojekt 24-Stunden-Bibliothek     Fotos
Die bayerischen Fachhochschulbibliotheken, seit jeher im Vergleich mit den Uni-Bibliotheken personell unterbesetzt, haben mit ihren potenziellen Benutzern - Professoren, Dozenten und Studenten - ein immer wiederkehrendes Streitthema: die Öffnungszeiten.
An der Fachhochschulbibliothek Landshut beschloss man im Jahr 2001 dieses Problem auf unkonventionelle Weise zu lösen. Mit Billigung und Finanzierung durch das Kultusministerium sollte zum 1. Oktober das Pilotprojekt "24-Stunden-Bibliothek" gestartet werden.
Die Voraussetzungen für dieses Vorhaben an der Fachhochschule Landshut waren günstig.
  • Die Bibliothek auf dem Fachhochschul-Campus ist in einem separaten Gebäude untergebracht, weshalb der Zugang "leicht" zu überwachen ist.
  • Der gesamte Bestand von ca. 60.000 Bänden - also Präsenz- und ausleihbare Literatur ist in einem überschaubaren zweigeschossigen Raum aufgestellt.
  • Die Bibliothek besitzt keine bibliothekarischen Kostbarkeiten.
  • Die oben genannten Benutzer können an den PCs mit ihren Fachhochschul-Accounts arbeiten.
Ziel war ein mittels Chipkarte kontrollierbarer Zugang für alle Hochschulangehörigen und die Möglichkeit der Ausleihe durch eine Selbstverbuchungsanlage. Die Bücher-Rückgabe sollte und wird während der personallosen Öffnungszeiten nur über den konventionellen Bücherrückgabekasten erfolgen.
Während der Semesterferien nach dem SS 2001 begannen die Umbauarbeiten, um die nötigen technischen Bedingungen für die "Rund-um-die Uhr-Bibliothek" zu schaffen. Obwohl die meisten Arbeiten termingerecht erledigt werden, hat sich das Pilotprojekt wegen Abstimmungs- und Lieferungsproblemen mit der Zugangskontrolle bzw. Selbstverbuchungsanlage verzögert.
Seit Anfang Januar 2002 können die Benutzer die Fachhochschulbibliothek 24 Stunden als Präsenzbibliothek nutzen. Eine Ausleihe außerhalb der "normalen" Öffnungszeiten wird hoffentlich noch im 1. Quartal 2002 möglich sein.
 

Doris Schneider: The Teaching Library     Fotos
Die täglichen Erfahrungen von Bibliothekaren und Die Stefi-Studie
Das Weltwissen verdoppelt sich alle 5 bis 7 Jahre - aber es gibt kaum Studenten, die in der Lage sind, mit dieser unendlichen Fülle an Wissen umzugehen. Mit den traditionellen Benutzerschulungen in Bibliotheken wird nur ein Bruchteil der Studenten erreicht.
Die Ergebnisse der Stefi-Studie, die im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung und Forschung von der Sozialforschungsstelle Dortmund erstellt und 2001 veröffentlicht wurde, bestätigen diese Beobachtungen (www.stefi.de). Hier nur einige wichtige Aussagen für Hochschulbibliotheken: Die Nutzerkompetenz sowohl des wissenschaftlichen Personals als auch der Studierenden liegt im Argen. Die Informations- und Medienkompetenz ist dringend verbesserungswürdig und muss in der Hochschulausbildung ein stärkeres Gewicht erhalten. Es wird eine stärkere Kooperation von Lehre, Informationsanbietern und Hochschulbibliotheken eingefordert.

Teaching Library
Mit der Übernahme von Lehrveranstaltungen entwickeln sich Bibliotheken zu Teaching Libraries. Eine Teaching Library ergänzt die studiengangspezifischen Lehrinhalte. Die Studierenden sollen über den Vermittler Hochschulbibliothek lernen, in den richtigen Informationsquellen diejenigen Informationen zu finden, zu bewerten und zu beschaffen, die sie für die Beantwortung einer bestimmten Frage brauchen. Zu diesem Zweck werden von der Hochschulbibliothek zielgruppenspezifische und situationsbezogene Veranstaltungen angeboten.

Neben der Übernahme von Lehrfunktionen gehören zu einer Teaching Library

  • Die Entwicklung eines Gesamtkonzeptes für Schulungen
  • Die Anwendung informationsdidaktischer Methoden
  • Die Evaluierung von Schulungsveranstaltungen
  • Die Aufnahme von Schulungsveranstaltungen ins Curriculum
  • Eine Leistungserhebung
  • Die Bereitstellung von Schulungsräumen
  • Die Qualifizierung des Schulungspersonals, in der Regel das bibliothekarische Fachpersonal

Was wir heute an der Fachhochschulbibliothek Ingolstadt tun
Die Fachhochschulbibliothek hat 1999 in ihrem Entwicklungsplan festgelegt, dass Benutzerschulung und -information zu den Kernaufgaben der Bibliothek gehören. Diesen Kernaufgaben werden alle anderen bibliothekarischen Tätigkeiten nachgeordnet.
Wir glauben, dass nur die Integration in Lehrveranstaltungen einen tragfähigen Ansatz für die Vermittlung fachspezifischer Informationskompetenz bietet. Nur so gelingt es, bedarfs- und zielgruppenorientiert am richtigen Ort zur richtigen Zeit Studierenden wesentliche Komponenten der Informationssuche zu vermitteln.
Wir bieten Benutzerschulungen themenbezogen und eingebunden in die aktuelle Studiensituation an. Das erhöht die Motivation. Diese Veranstaltungen sind (leider) nicht offiziell integriert in den Lehrplan, werden aber im Hochschulalltag immer selbstverständlicher. Zum Teil werden Leistungsnachweise erwartet.
Aus passiven bibliothekarzentrierten Benutzerschulungen haben sich interaktive, benutzerorientierte Veranstaltungen entwickelt, die den Studierenden helfen sollen, bei der Informationssuche kritisch zu werden und Konzepte zur Informationssuche kreativ anzuwenden. Wichtig ist das situationsbezogene und experimentelle Lernen als Ergänzung zum Frontalunterricht und der Gruppenarbeit.

Die Benutzerschulungen finden im PC-Pool, einem Gruppenarbeitsraum der Bibliothek oder einem Seminarraum statt. Die Bibliothek hat leider keinen eigenen Schulungsraum.

  • Aufwärmphase - warum ist Informationssuche wichtig
  • Erarbeitung der Suchbegriffe
  • Vorstellung der geeigneten Informationsquellen
  • Gruppenarbeit - Recherche in den einzelnen Informationsquellen
  • Vorstellung der Rechercheergebnisse im Plenum - Sicherung der Ergebnisse
  • Ergänzungen durch Bibliothek (Empfehlungen zur Weiterarbeit), Fernleihe, Dokumentlieferung, Handouts

Evaluierung
Die Hochschule hat ein Evaluierungskonzept. Im Grundtenor halten die Studierenden die Veranstaltungen zur Vermittlung von Informationskompetenz für sehr wichtig. Zwar machen zwei oder drei solcher Veranstaltungen aus einem Studenten noch keinen Rechercheprofi - aber die ersten Schritte in Richtung effektive und effiziente Informationssuche sind getan.

Problem
Das größte Problem ist die zeitintensive Vorbereitung, die in jeder dieser Veranstaltungen steckt. Jede Veranstaltung muss wegen der nie wiederkehrenden Themen neu vorbereitet werden. Die Bibliothek hat in manchen Bereichen ihre Organisation stark verändert, um die nötigen Personalkapazitäten zu erhalten.

Die in Lehrveranstaltungen oder Projekte eingebundenen Schulungen zur Informationsrecherche bilden im Moment den Schwerpunkt bei den Benutzerschulungen an der Fachhochschulbibliothek Ingolstadt. Umrahmt werden diese Veranstaltungen von den Einführungen für Erstsemester, der Vorlesung "Wissensmanagement", die als Allgemeinwissenschaftliches Wahlpflichtfach" von der Bibliothek studiengangübergreifend jedes Semester angeboten wird und mit einer Klausur abschließt und der Einzelunterstützung von Diplomanden.

Wovon wir träumen
Wir träumen davon, Studenten die Informations- und Medienkompetenz zu vermitteln, die sie für das Lebenslange Lernen brauchen. Dieser Traum wird nur Realität, wenn

  • Hochschulen Medien- und Informationskompetenz stärker in ihre Studieninhalte aufnehmen und Bibliothekare aktiv in die Ausbildung von Studierenden einbeziehen.
  • Standards formuliert werden für Informations- und Medienkompetenz, die garantieren, dass Studierende bei ihrem Hochschulabschluss die entsprechenden Fähigkeiten in Informationssuche, -beschaffung und -gebrauch besitzen.
  • Formelle, strukturierte Programme in den Studienplänen verankert werden, die garantieren, dass alle Studenten die wichtigen Konzepte zur Informationssuche in ihren Studienfächern lernen.
  • Studenten regelmäßig, d.h. jedes Semester oder zumindest jedes Jahr zusammen mit ihrer Hochschulbibliothek an dem Thema Informationsbeschaffung arbeiten.
  • Die Unterrichtskompetenz von Bibliothekaren verbessert wird.
Wir wissen, dass diese Träume Geld kosten und viel Zeit und hochschulpolitische Probleme in Hülle und Fülle zu lösen sind. Aber wir glauben, dass unsere Studenten nur fit werden für das Informationszeitalter mit ihrer Bibliothek als Teaching Library.
 

Renate Siegmüller:
Das gemeinsame Web-Portal der bayerischen Fachhochschulbibliotheken
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Der Einsatz des World Wide Web zur Verbesserung des Dienstleistungsangebots im Interesse der Benutzer ist für Hochschulbibliotheken mittlerweile eine Selbstverständlichkeit. Sollte man diese Möglichkeit des schnellen und direkten Zugangs zu Informationen nicht auch verstärkt für die eigenen fachlichen Belange nutzen?
Die Konferenz der bayerischen Fachhochschulbibliotheken beauftragte im Februar 2001 vier ihrer Mitglieder mit der Realisierung einer Website der bayerischen Fachhochschulbibliotheken.
Ein entsprechender Rahmen war bereits durch das Informationskonzept der Arbeitsgemeinschaft der Fachhochschulbibliotheken in der Sektion 4 des Deutschen Bibliotheksverbands (DBV) gegeben, das neben einer eigenen Homepage der Arbeitsgemeinschaft (www.fh-bibliotheken.de) auch Präsentationen in den Ländern vorsieht. Im Juli 2001 eröffneten die bayerischen Fachhochschulbibliotheken das erste Web-Portal (http://www.fh-bibliotheken-bayern.de) auf regionaler Ebene. Das Angebot will mehrere Aufgaben erfüllen:
  • Intern nutzen die Kolleginnen und Kollegen der beteiligten bayerischen Bibliotheken diese Seiten als "virtuelle Ablage", da sie Konferenzprotokolle, Statistiken, die Dokumentation von Projekten usw. mit aktuellem Stand nachweisen und so für alle der Verwaltungsaufwand reduziert wird.
  • Die transparente und detaillierte Aufbereitung des Materials kann interessierten Fachkreisen (auch anderer Bibliothekssparten) zahlreiche Anregungen und Vergleichsmöglichkeiten bieten. Die Erfahrung zeigt, dass Austausch und Kooperation erfolgversprechende Wege sind, Bibliotheksdienstleistungen effektiv weiterzuentwickeln.
  • Die Beschreibung der Aufgaben, Ziele und des Serviceangebots rundet die Darstellung zu einem informativen Profil eines kleineren, aber leistungsfähigen und modernen Typus von Hochschulbibliotheken ab.
Damit liegt ein erster Baustein zu einem bundesweiten Informations-Netzwerk der Fachhochschulbibliotheken vor, das sowohl die vielfältigen Entwicklungen dieses Bibliothekstyps bündeln und gegenseitig befördern als auch zeitgemäße Öffentlichkeitsarbeit leisten kann.
 

Roland Greubel:
Kooperationen der bayerischen Fachhochschulbibliotheken
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Teamgeist wird in den bayerischen Fachhochschulbibliotheken groß geschrieben und ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren dieses Bibliothekstyps. Daraus erwächst das hohe Zusammengehörigkeitsgefühl und das große Engagement sowohl innerhalb der Bibliotheken als auch auf gesamtbayerischer Ebene. Durch Kooperationen innerhalb Bayerns und über die Ländergrenzen hinweg werden hohe Effizienz und Kostenoptimierung erreicht.

Kooperation innerhalb Bayerns
Als eine der ersten Kooperationen ist der 1998 durch die Fachhochschulbibliothek München beschaffte Fachhochschul-CD-ROM-Server zu nennen. Dieser steht in der Verbundzentrale des Bibliotheksverbundes Bayern (BVB) und wird dort betreut. Die Wartung und Pflege ist per Outsourcing an die Firma R+R Messtechnik, Graz, vergeben, von der auch die Software Ultranet stammt. Auf diesem Server können alle bayerischen Fachhochschulbibliotheken CD-ROMs auflegen. Die Abrechnung erfolgt nach der Größe der Fachhochschulen, es werden jeweils 1, 2 oder 3 Anteile der Gesamtsumme berechnet. Der zweite Schwerpunkt ist die Kooperation bei den Lokalsystemen. Mehrere Bibliotheken betreiben eine gemeinsame Datenbank, d.h. einen gemeinsamen OPAC, ein gemeinsames Ausleih- und Erwerbungssystem. Hierbei gibt es mehrere Kooperationsmodelle.

Des weiteren gibt es von der bayerischen Fachhochschulbibliotheks-Konferenz eingesetzte Arbeitsgruppen, die gemeinschaftliche Projekte vorantreiben. Aktuell sind hier zu nennen:

  • AG Bibliotheksentwicklungsplan
  • AG Leistungsindikatoren
  • AG Webpräsentation
  • AG Lokalsysteme
  • AG Bibliothekartag 2002
Selbstverständlich sind die bayerischen Fachhochschulbibliotheken in allen Kommissionen und Arbeitsgruppen des BVB vertreten.

Kooperation nach außen
Die zurzeit einschlägigste Zusammenarbeit über die Landesgrenzen hinweg ist die FINT!-Kooperation mit den Fachhochschulbibliotheken in NRW. FINT! ist eine Initiative der Fachhochschulbibliotheken in NRW. Entsprechend den Fächerspektren werden Linklisten für die Fachinformation zusammengestellt. Jedes Fachgebiet wird von einer Bibliothek verantwortlich betreut. Seit dem Jahr 2000 arbeiten die Fachhochschulbibliotheken Bayerns an diesem Projekt mit, das durch den Lenkungsausschuss zur Kooperation Bayern-NRW ausdrücklich begrüßt wurde.
Ein weiterer Anstoß zu länderübergreifender Kooperation war die Entwicklung von Leistungsindikatoren durch die gleichnamige bayerische Fachhochschulbibliotheks-AG. Signalisierten zuerst einige hessische KollegInnen Interesse an einer Zusammenarbeit, zeichnet sich nun durch die Einberufung einer bundesweiten Expertengruppe auf Initiative der Bertelsmann Stiftung ein umfassender Bibliotheksindex (BIX) für wissenschaftliche Bibliotheken ab. Die bayerischen Ergebnisse dürften hierbei von Nutzen sein.
Und schließlich gab die von der bayerischen Fachhochschulbibliotheks-Konferenz beschlossene gemeinsame Web-Präsentation mit den Anstoß zum Aufbau eines bundesweiten Internet-Auftritts der Fachhochschulbibliotheken eingebettet in die Sektion IV des Deutschen Bibliotheksverbandes (DBV).